Über Wirksamkeit in der Aphasietherapie

Regelmäßiges Üben mit LingoTalk kann die Wortfindung und die Gesprächsfähigkeit verbessern

In einer Pilotstudie, durchgeführt von der Universität Potsdam, hat sich gezeigt, dass die Verbesserungen höchstsignifikant ausfallen, wenn regelmäßig geübt wird. Nicht nur die geübten Wörter konnten sehr viel besser abgerufen werden, sondern es stellten sich sogar Generalisierungs- und Transfereffekte ein. 

Die 23jährige Schlaganfallpatientin hat 10x pro Woche für einen Zeitraum von 3 Wochen mit LingoTalk sprechen geübt. Davon wurde 2xl innerhalb der Aphasietherapie mit einer Therapeutin geübt und die anderen 8x allein ohne Begleitung.

Von den 50 geübten Wörtern konnte die Patientin vor dem Übungszeitraum 12 und hinterher 35 ohne Hilfe korrekt benennen. Von den Wörtern, die nicht geübt, sondern nur vorher und nachher überprüft wurden, konnte die Patientin zu Beginn nur 9 von 70 und hinterher immerhin 20 korrekt benennen. Beides ist ein statistisch sehr signifikanter Effekt. Im Benenntest der NAT Wortproduktionsprüfung (Blanken et al., 1999) erzielte die Patientin vor der Therapie eine Leistung von 30 richtigen Benennungen von insgesamt 60 Wörtern und steigerte ihre Leistung nach der Therapie auf 48 korrekt benannte Wörter. Das ist eine statistisch hochsignifikante Verbesserung und zeigt, dass die Patientin auch in anderen Aufgaben zur mündlichen Wortproduktion sehr viel besser geworden ist. Auch die Spontansprache hat sich verbessert. Nach der Therapie ließ sich bei der Bestimmung der Symptomhäufigkeiten im Hinblick auf Redefloskeln, Wortfindungsstörungen und syntaktische Fehler eine Verbesserung beobachten. Zudem konnte eine verringerte Anzahl an Wortfindungsstörungen hinsichtlich geübter Themen gemessen werden. Dass die Verbesserungen auf die Intervention mit LingoTalk zurückgeführt werden kann wurde durch eine unrelatierte  Kontrollaufgabe (Nachsprechen mit Artikel) sichergestellt. Hier zeigten sich keine Veränderungen in der Nachhermessung.  (Schmitz-Antonischky, Netzebandt & Heide 2022, in Vorb.).

Poster auf dem 15. Herbsttreffen des vpl (Verband für Patholinguistik): 

Therapieintensität

Einschränkungen in der Kommunikationsfähigkeit sind sehr belastend für die Betroffenen und ihre Angehörigen. Man weiß inzwischen sehr genau: Üben hilft! Doch ambulante Therapien werden meist nur in geringem Umfang angeboten. Die Intensität reicht nicht aus, um messbare Fortschritte zu erzielen.

Bhogal, Teasell, Foley & Speechley, (2003a, 2003b) belegten in ihrer Metaanalyse, dass ein entscheidender Faktor für die Wirksamkeit von Aphasietherapie die Intensität der Behandlung eine Rolle spielt. So stellten sie fest, dass Aphasietherapie dann effektiv, d.h. wirksam ist, wenn die Behandlung mit ca. 9 Stunden pro Woche über einen Zeitraum von 10 Wochen durchgeführt wird. Die Aphasietherapie bleibt dann ohne messbaren Effekt, wenn die Behandlung mit ca. 2 Stunden pro Woche für einen Zeitraum von 23 Wochen durchgeführt wird.
Die Leitlinien und Empfehlungen verschiedener Institutionen sehen bei Aphasie auch in der chronischen Phase eine Therapieintensität von mindestens einer Stunde Therapie am Tag vor.

Quelle Frequenzempfehlung
Leitlinie Aphasietherapie (Bauer et al., 2002) ein bis zwei Mal täglich zu je 60 Minuten für 6 – 8 Wochen (gilt für die stationäre Behandlung 6 – 12 Monate nach Beginn der Erkrankung) täglich für 4 Wochen, danach Pause von mindestens 3 Monaten (gilt für die ambulante Behandlung 6 – 12 Monate nach Beginn der Erkrankung)
Bhogal et al., 2003a; 2003b 9 Stunden/Woche für 10 Wochen
Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (Diener & Putzki, 2008) 5 – 10 Stunden/Woche
Huber et al., 2006 8 Stunden/Woche bei chronischer Aphasie
Reha-Therapiestandard „Schlaganfall“ (Schönle & Lorek, 2011) mindestens 5 Stunden/Woche für Personen mit einem hohen Bedarf mindestens 2,5 Stunden/Woche für Personen mit einem normalen Bedarf
Tabelle entnommen aus: Grötzbach, H. (2015)

Tatsächlich wird jedoch in 80% der befragten Praxen Aphasietherapie mit einer Frequenz von ein oder zwei Mal pro Woche angeboten. Die Daten in der stationären Rehabilitation sehen ähnlich aus: Nach einer Erhebung der Deutschen Rentenversicherung erhielten 2009 lediglich 2% der Patient*innen mit einer Aphasie 5 Stunden Therapie pro Woche und nur 8% der Patient*innen eine Therapie von 2,5 Stunden pro Woche (Asmussen et al., 2013).

  • Asmussen, L., Bremer, W., Heldt, C., & Krüger, S. (2013, March). Therapiefrequenz in der ambulanten logopädischen Praxis. In Forum Logopadie (Vol. 27, No. 2).
  • Bhogal, S. K., Teasell, R. W., Foley, N. C., & Speechley, M. R. (2003). Rehabilitation of aphasia: more is better. Topics in Stroke Rehabilitation, 10(2), 66-76.
  • Grötzbach, H. (2015) Evidenzbasierte Aphasietherapie. Sprachtherapie aktuell: Schwerpunktthema: Aus der Praxis für die Praxis 2: e2015-06; doi: 10.14620/stadbs150906

Wirksamkeit von Hilfen für den lexikalischen Abruf bei Störungen der Wortfindung

Die eingesetzten Hilfen in der blauen Hilfenbox in LingoTalk stützen sich auf evidenzbasierte Methoden in der kognitiv orientierten Sprachtherapie (KoST) und gliedern sich in semantische, phonologische und schriftbasierte Hilfestellungen. Hier ein Überblick über einen Teil unserer Quellen:

Semantische Hilfen

Allgemeine Beschreibung: Elizitieren eines Wortes nach Definitionsvorgabe

  • Greenwood, A., Grassly, J., Hickin, J., & Best, W. (2010). Phonological and orthographic cueing therapy: A case of generalised improvement. Aphasiology, 24(9), 991-1016.

Typische Eigenschaften: Verknüpfen semantischer Merkmalseigenschaften

  • Massaro, M., & Tompkins, C. A. (1994). Feature analysis for treatment of communication disorders in traumatically brain-injured patients: An efficacy study. Clinical aphasiology, 22, 245-256.
  • Hillis, A. E. (1998). Treatment of naming disorders: New issues regarding old therapies. Journal of the International Neuropsychological Society, 4(6), 648-660.
  • Hillis, A. E., Rapp, B., & Caramazza, A. (1995). Constraining claims about theories of semantic memory: More on unitary versus multiple semantics. Cognitive Neuropsychology, 12(2), 175-186.

Lückensatz: semantische Kontexteinbettung und Satzvervollständigung

  • Marshall, J., Chiat, S., & Pring, T. (1997). An impairment in processing verbs‘ thematic roles: A therapy study. Aphasiology, 11(9), 855-876.
  • Marshall, J. (2002). Doing something about a verb impairment: Two therapy approaches. In The aphasia therapy file (pp. 121-140). Psychology Press.

Phonologische Hilfen

  • Hickin, J., Best, W., Herbert, R., Howard, D., & Osborne, F. (2002). Phonological therapy for word-finding difficulties: A re-evaluation. Aphasiology, 16(10-11), 981-999.
  • Miceli, G., Amitrano, A., Capasso, R., & Caramazza, A. (1996). The treatment of anomia resulting from output lexical damage: Analysis of two cases. Brain and language, 52(1), 150-174.

Graphematische Hilfen

  • Rawlinson, G. E. (1976). The significance of letter position in word recognition (Doctoral dissertation, University of Nottingham).
  • Nickels, L., & Best, W. (1996). Therapy for naming disorders (Part I): Principles, puzzles and progress. Aphasiology, 10(1), 21-47.
  • Lorenz, A., & Nickels, L. (2007). Orthographic cueing in anomic aphasia: How does it work?. Aphasiology, 21(6-8), 670-686.
  • DeDe, G., Parris, D., & Waters, G. (2003). Teaching self-cues: A treatment approach for verbal naming. Aphasiology, 17(5), 465-480.
  • Nickels, L. (1992). The autocue? Self-generated phonemic cues in the treatment of a disorder of reading and naming. Cognitive Neuropsychology, 9(2), 155-182.
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